Dieser Flügel ist eckig, groß und selten

KoelnerStadtAnzeiger

Der Euskirchener Experte Michael Becker investiert rund100 Arbeitsstunden in das Instrument von Mand-Olbrich

Euskirchener Land

Euskirchen. Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Dass Michael  Becker  in der Werkstatt hinter seinem Euskirchener Musikfachgeschäft ein ums andere Mal außergewöhnliche Tasteninstrumente zur Reparatur oder Restauration beherbergt, ist  noch nichts Ungewöhnliches.

Die Anfrage, die den kreisstädtischen Musikhändler kürzlich  erreichte, erforderte von allen Beteiligten allerdings eine gehörige Portion  Erfindungsreichtum. Sogar eine selbst gebaute Holzkonstruktion sei notwendig gewesen, auf die das betreffende Instrument fixiert  wurde, um es überhaupt transportieren zu  können, berichtet der Klaviertechniker. "Dieser Kundenauftrag sprengt die Kapazität unserer Räumlichkeiten", sagt er mit Blick auf seinen Verkaufsraum
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Ein Spiegel ist bei der aufwendigen Reparatur von Musik- instrumenten durchaus hilfreich.             Fotos: Bender, 19.07.2018

Die Modelle waren  in verschiedenen  Ausführungen  mit Holz und Messingintarsien  versehen. Weitere Schmuckelemente an Scharnieren  und den Pedalen waren eben falls besonders aufwendig gearbeitet.

Das Instrument

Die Mand-Oibrich-Flügel wurde nach dem Entwurf des Österreichischen Jugendstil-Architekten Joseph  Maria Olbrich- er zeichnete etwa für den Hochzeitsturm in Darmstadt und das Warenhaus Leonhard Tietz AG, den  heutigen  Kaufhof in Düsseldorf, verantwortlich -von der Firma Carl Mand hergestellt.

Das von Michael  Becker überarbeitete Instrument steht in einem Versammlungsraum eines Koblenzer Klinikums und wird heute  noch bespielt. (hab)

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Neben der eigenwilligen, achteckigen Form, unterschieden  sie sich auch durch die Größe von herkömmlichen Flügel-Modellen.

Dort, wo sich für gewöhnlich ordentlich  die  Klaviere aneinanderreihen, die auf ihre Käufer  warten, dominiert gerade  ein gewaltiger Flügel  das Interieur des  Ladenlokals an der Kommerner Straße. Da sich der zwar durch  die Eingangstür ins Innere befördern ließ, in der Werkstatt jedoch nicht unterzubringen war, räumten Becker und sein Team kurzerhand  die  Ansstellungsfläche komplet um, damit  die Arbeiten zwischenden   Verkaufsobjekten  durchgeführt   werden konnten. Bei   dem  es mehr als 2,60  Meter  langen  Mukinstrument handelt es sich nicht etwa um einen Vertreter allgemein bekannter  Flügel-Hersteller wie  Bechstein oder Schimmel."Dasist einMand-Olbrich-Flügel.Vondieser Auftragsarbeit existieren wohl heute  nur noch  vier  Instrumente",erläutert Becker.  Doch  wie  ist es  um die Dimensionen des Tastenin struments bestellt?  "Nur  zum Vergleich, der Flügel im Euskirchener  Stadttheater ist 1,80  Meter  lang"so der Experte. Die Datierung sei  ihm   ausnahmsweise  nicht   ganz  leichtgefallen. Normalerweise könne er die Klaviere recht schnell einem   begrenzten Zeitraum zuweisen, in denen sie gebaut  wurden. Denn jede Epocheweiseindividuellen Elemente und  Herstellungsmerkmale  auf. Anders ist es beim Mand-Olbrich.  Becker:
 

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Das verschnorkelte Ornament ist ein Hingucker.

Michael becker und sein Team steckten rund 100 Arbeitsstunden in die Restaurierung des Flügels.

Das gut 100 Jahre alte Werkstück ist bereits vor einiger Zeit einmal  überholt worden,  doch  bei den durchgeführten Arbeiten  sei wohl einiges "kaputt restauriert" worden. Durch das Einsetzen neuer Wirbel  war das Holz  gespalten, erläutert der Fachmann. Der gewölbte  Resonanzboden, der dem Flügel das sonore Timbre verleiht, habe auf den Stützbalken gelegen und somit jeden freischwingenden Klang  erstickt, nennt er nur einige Schwachstellen, die es zu beheben galt.  Unter  anderem mit  frischen Saiten, Wirbeln  und  Hammerköpfen ausgestattet, besitzt  das antike Instrument nun eine neue  Mechanik. Beinahe  das komplette Innenleben wurde erneuert. Ein Kollege von Becker  übernahm die schwarze Hochglanz-Lackierung der Außenseite. Rund   100  Arbeitsstunden werde  man  bis zur Fertigstellung  wohl  investieren müssen, meint Becker:  "Etwa  16.000 Euro wird  die  Reparatur kosten." Den Neuwert  des  seltenen  Instruments schätzt  er auf etwa  150.000 Euro. Doch  der  Experte schränkt sogleich ein: "Das ist natürlich rein spekulativ, weil heutzutage niemand mehr eine solche Arbeit in Auftrag geben würde."

"Einerseits gibt die Ornamentik und die verschnörkelten Schnitzereien, die  typisch   für das Art deco sind. Andererseits erinnert  die  eckige   Form  schon fast an moderne Kunst oder den vorweggenommenen Bauhaus-Stil." Mit Sicherheit könne  er nur sagen,  dass  der  Flügel  zwischen 1900 und 1910 entstanden sei. Insgesamt  habe es vermutlich nicht  mehr  als 20 oder 30 Exemplare weltweit  gegeben. "Das darf man  sich  vorstellen, wie  die  Einrichtung der Titanic", erklärt  der gelernte Orgelbauer: "Wir  reden hier  über  etwas  sehr  Extravagantes."

19. Juli 2018

VON HANNA BENDER

Mand-Olbrich
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